Das Labyrinth des Malers

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»Und außerdem verdonnere ich Sie dazu, innerhalb der nächsten drei Monate eine Pilgerwanderung auf den Croagh Patrick zu absolvieren, damit Sie Gelegenheit haben, über Ihr Verhalten nachzudenken. Sehen Sie es als ein Zeichen des Respekts gegenüber Ihren Mitbürgern, besonders jenen, die im Dienste der Öffentlichkeit stehen.«

Fin glaubte, sich verhört zu haben. »Sir, das kann nicht Ihr Ernst sein! Euer Ehren, das können Sie nicht machen!«

»Halten Sie lieber die Klappe«, raunte eine wohlmeinende Stimme aus dem Hintergrund, »sonst überlegt er sich’s anders und lässt Sie die ganze Strecke barfuß laufen.«


Leseprobe:

Leseprobe – Das Labyrinth des Malers


Ein wenig Hintergrund:

Im September 2010 verurteilte ein irischer Richter einen Mann, der sich wegen Trunkenheit, Beleidigung und Widerstand gegen die Staatsgewalt vor dem Gericht zu verantworten hatte, zu einer Pilgerwanderung auf den Croagh Patrick, den heiligen Berg Irlands.

Jeder, der diese Wanderung selbst unternommen hat, hat am eigenen Leib erfahren, dass ein Berg von gerade mal 760 Metern nicht unbedingt ein Pappenstiel ist. Ist der Anfang ein beinahe schon gemütlicher, wenn auch steiniger Weg, geht es nach der Hälfte steil bergauf, der Untergrund eine rutschige, kräftezehrende Schotterpiste. Oben angekommen wird man mit einer großartigen Aussicht aufs Meer belohnt – wenn die Wolken mitspielen. So nah am Atlantik ist das Wetter tückisch. Ideale Voraussetzungen also, eine erklärte  Couch-Potato wie Fin O’Malley in ein neues Abenteuer zu jagen.

Das Hafenviertel der Hauptstadt Dublin erfährt einen umfassenden Wandel wie in so vielen Hafenstädten dieser Welt. Die alten Lagerhäuser müssen weichen oder werden saniert. Appartementblocks entstehen, Bürohäuser, Shops, trendige Cafés und Szenerestaurants. Die Preise für Wohnraum schnellen in die Höhe, nirgendwo in Irland ist wohnen so teuer wie in Dublin. Auch der kurzfristige Einbruch während der Wirtschaftskrise hat daran nichts geändert. Die neue Architektur kann man mögen. Muss man aber nicht. Viele Bauten mag man als gelungen bezeichnen, andere könnten mit ihrer gesichtslosen Fassade in jeder anderen Stadt Europas stehen. Neue Wahrzeichen entstehen. Bauten, denen auch Unternehmen aus dem Ausland ihren Stempel aufdrücken. Die Samuel Beckett Bridge aus dem Jahr 2009 beispielsweise, die in ihrer Form an eine irische Harfe erinnern soll, wurde mit Stahl aus Dillingen im Saarland gebaut.